Welt unter Wasser – so viel vielfältiger als die paar Arten an Land

Wenn Haie leuchten

CoverFische. Kennst Du einen, kennst Du alle.

Echt jetzt? Von wegen!

Neben Fischen, Weichtieren und den üblichen Verdächtigen finde ich in diesem kleinen Buch neue Erkenntnisse über Farben (Funktion und Entstehung bis hin zum Farbspektrum inklusive „ultraschwarz„) und Menschen und Viren – aktuelle und durchaus nützliche Wissensbits. Endlich klärt sich auch die Frage, warum es im Meer keine Insekten gibt (oder manchmal doch). Ich habe gelernt, welche Domänen des Lebens es gibt, von denen Tiere, Pflanzen und Pilze nur ein kleiner Teil sind. Welche Tierstämme wie miteinander verwandt sind (anders als gedacht). Wie Moleküle dafür sorgen, dass Organismen ihre innere Uhr einstellen und Am-Laufen-Halten. Und das ist nur ein Ausschnitt.

Whoa, whoa, whoa! Spannend!

Gut erzählt ist es auch, wirklich gut.

Anlass für Julia Schnetzer, sich gerade jetzt ausführlich den Weltmeeren zu widmen, ist die UNESCO Nations Decade of Ocean Science, die 2021 beginnt. Im Buch verbindet die Wissenschaftlerin aktuelle Forschung, eigene Erlebnisse und ein großes Talent für unterhaltsame Darstellung. Sie textet auch schon mal lautmalerisch: „Rumgessssssssssssumse“ der Moskitos in den Mangroven, ein Wort mit 13 kleinen s!

Außerdem hat sie ein Gespür für das Kuriose, das sie zu einem aufregenden und informativen Tauchgang durch die Weltmeere zusammenfließen lässt. Als Science-Slammerin und Meeresbiologin (aus Bremen) stellt uns die Expertin mit Ph.D die weiten Wogen und die dunklen Tiefen des größten und diversesten Habitats unseres Planeten vor, als ob wir einen unterhaltsamen Abend voll von Geschichten bei ihr verbringen. Großes Kino!

Unsere Ozeane, faszinierend und überlebenswichtig
„Die Oberfläche unseres blauen Planeten, der ja paradoxerweise Erde genannt wird, besteht zu mehr als 70 % aus Wasser. Der überwiegende Teil dieses Wassers befindet sich in den Ozeanen. […] Damit machen sie 99 % des Lebensraums unserer Erde aus und bilden ihr größtes Ökosystem.“ Und um unser Wetter kümmert sich das viele tiefe Wasser auch noch:  „Ohne den Golfstrom würden wir uns hier in Europa salopp gesagt den Arsch abfrieren.“

Natürlich kommen auch aktuelle Probleme zur Sprache. Nicht ohne Hoffnung: Auch davon berichet das Buch, es gibt einzelne Lichtblicke. Z. B. wenn nach einer hartnäckigen Strandsäuberungsidee irgendwann die Meeresschildkröten wieder zurückkehren. Der Ausblick ist also durchaus motivierend: Citizen Science, engagierte Menschen, kleine Ideen mit positiven Auswirkungen – wir sind gar nicht machtlos :-)

Aqua Incognita: Ein Meer voller Rätsel
Ganz viel Unekanntes:
Ozeane, Meer und die hohe See sind das größte und diverseste Habitat unseres Planeten, trotzdem waren bisher mehr Menschen auf dem Mond als am Grund des Ozeans. „(…) obwohl wir es mittlerweile geschafft haben, bis zum Mars zu fliegen, wissen wir nicht mal genau, wie der Meeresgrund vor unserer eigenen Haustür aussieht. […] Schätzungen zufolge gibt es im Meer etwa 1 Million verschiedene Tier- und Pflanzenarten, und etwa 2/3 davon warten noch darauf, von uns entdeckt zu werden.“

Menschen und Meer und Mythen:
„Tatsächlich gibt es immer noch sogenannte Phantominseln – Inseln, die zwar auf Karten existieren, aber nicht in der Realität. Diese sind in den Zeiten der Seefahrt entstanden, als es noch nicht möglich war, den eigenen Standort mittels GPS genau zu bestimmen. Da haben sich Seeleute durchaus mal in ihrem Standort vertan, und so wurden schnell aus eigentlich schon kartierten Inseln Neuland, das man dann an falschen Positionen in den Seekarten eingetragen hat. […], aber auch tiefhängende Wolken und Halluzinationen scheinen ab und zu vermeintliche Küsten an den Horizont gezaubert zu haben.“

Autorin

Julia Schnetzer erforscht Mikro- und Makroorganismen des Meeres. Sie studierte Biologie in Köln, an der University of California in Merced sowie am Smithsonian Tropical Research Institute in Panama und promovierte in Mariner Mikrobiologie am Max Planck Institut in Bremen. Von 2017 bis 2020 war sie wissenschaftliche Koordinatorin der internationalen Ausstellung Ocean Plastics Lab, die sich mit der Meeresverschmutzung durch Plastik beschäftigt. Die Autorin unterstützt mit diesem Buch die Organisation MovingSushi, die Korallenriffe vor der Westküste des afrikanischen Kontinents erforscht und Haibeifang in der Fischerei reduzieren möchte.

Traumberuf MeeresbiologIn!?
„Action kommt in diesem Beruf […] nicht zu kurz: Hechtsprünge auf Haie, die größer sind als man selbst, Schwanzflossenhiebe, die einen Sterne sehen lassen, beim Probennehmen in Feuerkorallen fassen und durch beängstigende Wellen schwimmen, um Equipment zu retten, sind nur ein paar der Abenteuer, die man erlebt.“

Fazit: Unbedingt lesen! Gern weiter verschenken!

Nachtrag zum Titel: OK, OK, an Land gibt es auch viele Arten. Aber da kennt man doch die meisten schon. Und sie sind uns soviel ähnlicher als die U-Welt da unten.

Themen

  • Uralte Geschöpfe und die unsterbliche Qualle
  • Sprache der Delfine
  • Plastik
  • Leben in Tiefseewolken
  • Wassertänzer
  • Wie Fische die Welt sehen
  • Das Meer geht viral
  • Was da draußen sonst noch schlummert
  • Meer und Mensch

Julia Schnetzer: „Wenn Haie leuchten. Eine Reise in die geheimnisvolle Welt der Meeresforschung“. hanserblau 2021. 18,- EUR (D) / 18,50 EUR (A). ISBN 978-3-446-26947-7.

Augen-Logo Maria

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